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MID SEASON SALE

Genny und Medo führen beide einen lokalen Fashionstore. Die eine in Köln, die andere in München. Heute reden die beiden Business! Wie sie ihre Stores aufgebaut haben, vor welchen Herausforderungen sie stehen und wie ihre Sicht auf den Einzelhandel ist, liest du im Gespräch zwischen den beiden Gründerinnen.

Medo Diet: Hi, ich bin Medo, Store-Ownerin des HOMEGIRL STORE in München, nahe dem Gärtnerplatz. Uns gibt es seit fünf Jahren. Wir verkaufen auch online – hauptsächlich Marken aus Skandinavien. 

Seit etwa zwei Monaten haben wir unser erstes Büro. Wir haben gemerkt, dass wir es im Alltag nicht mehr schaffen, ohne einen Platz zum Zusammenarbeiten. Das tut uns sehr gut! Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich aber gerne noch öfter im Laden sein.

Genny Weidinger: Ich bin Genny, von gennyfromtheblog und habe einen Multibrand Store in Köln mit sehr vielen ähnlichen Brands wie du sie hast. Aber ich würde vermuten, meine Ausrichtung ist etwas femininer und bunter. Ich habe vor eineinhalb Jahren aufgemacht. Direkt nach Corona habe ich in der Kölner Innenstadt eröffnet. Ich hatte sehr Glück, dass ich den Laden so zentral gefunden habe. Anfangs stand ich sechs Tage die Woche im Store, habe aber schnell gemerkt, dass das auf Dauer nicht funktioniert und habe mir Aushilfen gesucht. Es sind so viele andere Dinge zu tun, als nur die Kund:innen zu beraten.

M: Nicht mehr selbst und ständig!

G: Genau das war am Anfang auch ein Thema für mich. Aber wir haben uns nicht selbstständig gemacht, damit uns andere sagen, wie die Selbstständigkeit auszusehen hat. Ich habe meine Selbstständigkeit aus diesem Grund geschaffen, damit mir niemand mehr sagen muss, was ich zu tun haben. Es war eine riesengroße Erkenntnis, selbst zu entscheiden, wie die Selbstständigkeit aussieht. 

M: Bei mir kam die Erkenntnis, als ich während Corona schwanger wurde. Ab dem Zeitpunkt, wo mein Sohn auf der Welt war, musste ich mich zwangsläufig zurückziehen. Ich habe trotzdem weitergearbeitet, aber musste nicht jeden Tag im Store sein. So haben sich für mich sehr viele Türen geöffnet – der Store funktioniert, auch wenn ich nicht jeden Tag selbst da bin. Ich kann HOMEGIRL nicht nur von mir als Person abhängig machen. Ich habe nur begrenzte Kapazitäten und ich möchte trotzdem inspiriert sein, ich möchte frei sein in dem, wie ich arbeite. Natürlich bedeutet das nicht, dass man mehr Zeit hat als andere, aber man teilt sich die Zeit anders ein und am Ende ist man glücklich mit dem Job, den macht, und das ist toll!

G: Und vor allem habe ich gelernt, wie wichtig Gesundheit und das Privatleben ist. Wenn du nicht gesund und glücklich bist, kann der Laden das auch nicht widerspiegeln. 

M: Ich messe meine Arbeit nicht an Stunden. Wenn du in vier Stunden deine Aufgaben erreichst, dann ist das super! Ich habe zwei Dinge gelernt: Ich messe mich nicht an Zeit und ich messe andere nicht an Zeit. Für mich gibt es kein “Wochenende” und “unter der Woche” mehr. Wenn ich frei habe, habe ich frei und wenn ich arbeite, arbeite ich, egal ob es dienstags oder samstags ist. Man muss sich den Freiraum schaffen.

G: Spannend, dass du Mama bist und alles hinbekommst! Das finde ich sehr beeindruckend.

G: Zum Thema Corona – wie hast du das hinbekommen?

M: Es waren mehrere Faktoren, die zu der Zeit zugute kamen. HOMEGIRL war noch ein junges Unternehmen, mein Ordervolumen war kleiner als jetzt, ich hatte noch keine Mitarbeitenden. Ich musste mich also nur um mich selbst kümmern. Außerdem hatte ich super treue Kund:innen, die mich unterstützten. Ich begann, Surprise Pakete zu packen, startete den Onlineshop und habe versucht, die Leute weiterhin zu inspirieren. Aus diesem Grund blieben sie mir treu und kauften viele Gutscheine, das war wirklich großartig! Zudem hatte ich tolle Marken, die die Waren zurückgehalten haben. 

G: Auch ein Learning, das ich unterstreichen kann: Es ist wichtig, Marken und Kund:innen zu finden, mit denen man langfristige, partnerschaftliche Beziehungen auf Augenhöhe aufbaut, gemeinsam arbeitet und voneinander profitiert. Ich entscheide nicht allein, was meine Kund:innen tragen, sondern wir erarbeiten das gemeinsam.

M: Bleibst du lieber bei deinem bestehenden Portfolio oder erweiterst du es? Würdest du lieber neue Brands aufnehmen oder lieber über einen längeren Zeitpunkt mit einer Marke zusammenarbeiten?

G: Das ist etwas, mit dem ich mich dieses Jahr mehr beschäftigen möchte. Am Anfang dachte ich, dass ich mich ständig erneuern müsste. Aber ich habe andere Werte für mich entdeckt, wie zum Beispiel eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Marken. Da gibt es enge Kontaktpunkte wie Vertriebsagenturen, oder die Brands selbst. Ich arbeite lieber langfristig mit einer Marke zusammen und gehe in die Tiefe. Es ist mir viel wichtiger, die Styles und Modelle genau zu kennen und als Expertin aufzutreten. 

M: Ich habe immer noch drei Marken, die ich von Anfang an führe. Durch den Umzug in einen größeren Store habe ich jedoch etwas umstrukturiert und das Sortiment verfeinert. Wir haben Labels hinzugefügt, die etwas nischiger sind, da wir unsere Kund:innen schon lange kennen und die Marken den Look haben, den ich selbst gerne mag. Ich würde aber immer auf eine langjährige Beziehung gehen.

G: Man möchte sich natürlich auch erweitern. Es macht am meisten Spaß, sich von neuen Brands inspirieren zu lassen.

G: Wie bist du eigentlich gestartet? How To Business?

M: Ich wollte nie einen Modeladen haben, ich bin da reingerutscht. Zuvor habe ich für einen großen Sneaker-Handel gearbeitet und wusste aber schon immer, dass es mich in die Selbstständigkeit zieht, wusste aber nicht genau wohin. Da ich viel mit Kleidung zu tun hatte, wenn auch in eine andere Richtung, hatte ich da schon immer Spaß daran. Dann wurde die Firma verkauft und uns wurde freigestellt, ob wir gehen oder bleiben möchten. Nebenbei habe ich lange im Club-Kontext gearbeitet und die HOMEGIRL PARTY gestartet, die ich seitdem konstant veranstalte. Das war der Startpunkt! 

Ich konnte mir zusätzlich einen Laden vorstellen, in dem die einen Kunst, die anderen Musik, und wieder andere Kleidung machen – ich hatte einfach Lust auf Netzwerken in einem Laden. Und irgendwann stand ich dann in diesem Laden und habe ein Konzept geschrieben. Der Grundgedanke war, kleine Marken aus Deutschland zusammenzuführen.  Als ich das erste Mal auf der SEEK mit meiner besten Freundin stand, haben wir gekauft, was uns gefiel. Es war ein super Girls Trip! Ich kannte durch meinen vorherigen Job schon viele Streetwear-Label, aber ich habe bewusst darauf geachtet, etwas femininer zu werden. 

Auf der Messe habe ich eine meiner ersten Brands, MADS NØRGAARD, kennengelernt. Ich bin da richtig blauäugig reingegangen, aber schnell gemerkt, dass es liegt. Ich verstehe, was die Leute wollen, ich verstehe, dass ich nicht nur das kaufen kann, was ich will, sondern für die Kund:innen, die bei mir einkaufen gehen. Es hat mir super Spaß gemacht! Dadurch, dass ich davor nichts mit der Bubble zu tun hatte, habe ich mir über viele Sachen gar keine Gedanken gemacht, ich habe einfach gemacht. Ich habe das gekauft, worauf ich Lust hatte, ich wollte, dass die Leute in meinen Laden gehen können und eine schöne Zeit haben. Das war alles, was mir wichtig war. Im Nachhinein würde ich es immer wieder machen!

G: Einfach just do it! Welche Tipps würdest du noch zur Gründung geben?

M: Mit dem Flow gehen, sich auf die Sache einlassen. Mir war es wichtig, dass die Leute gerne herkommen, eine schöne Zeit haben und Kleidung kaufen können, in der sie sich wohl fühlen, vielleicht auch etwas selbstbewusster auftreten können. Ich hatte Lust, mit den Kundinnen zu plaudern, mit meinen HOMEGIRLS eine gute Zeit zu haben, alte Strukturen loszulassen und für uns selbst zu definieren, was wir aus dem Einzelhandel machen wollen.

G: Und das ist der entscheidende Unterschied am Ende des Tages! Ich würde gar nicht sagen, dass wir grundlegend anders als andere Einzelhändler:innen sind. Wir sind digital, wir haben beide Onlineshops, sind beide auf Instagram aktiv, wir haben beide die Mechanismen verstanden. Das ist unsere Generation – Für uns fühlt es sich wie das Natürlichste der Welt an. Das ist nicht der springende Punkt, warum wir als Einzelhandel überleben, sondern im Gegenteil, weil wir eigentlich wieder zu den Wurzeln zurückkehren, zum klassischen Einzelhandel. Wir lieben es, hier mit den Kund:innen zu stehen, am liebsten zwei Stunden zu reden und etwas über die Lebensgeschichte der anderen Person etwas zu erfahren und das passende Outfit zu ihrem Charakter zu finden. Das ist es, was vor 50 Jahren im Einzelhandel auch schon so stattgefunden hat. Wir gehen zurück zum Kern, und das ist super spannend. Wenn du mit Liebe und Leidenschaft deine Produkte verkaufst, die du sorgfältig ausgewählt hast, dann wird es gut! Das ist mein Antrieb. Es geht immer weiter, man muss flexibel bleiben, lösungsorientiert und sich an die Situation anpassen. 

M: Ist bei dir das lokale Business stärker als online?

G: Ja, absolut. Offline war von Anfang an mein Kerngeschäft und meine persönliche Leidenschaft. Für mich ist aber völlig klar, dass das zusammengehört und das mir Online Chancen bietet, nationaler, vielleicht auch internationaler zu agieren. 

M: Wir sind immer noch lokal stärker als online. Wir investieren mehr Energie in den lokalen Bereich. In den letzten Monaten haben wir den Onlineshop überarbeitet und neu gelauncht. Wir versuchen, den Leuten online Inspiration zu geben und ein ähnliches Gefühl wie im Store zu vermitteln. Dennoch findet der Austausch im Store statt. Außerdem organisieren wir Events und Workshops. Online kenne ich meine Kund:innen einfach nicht persönlich. Im Store ist das etwas anderes.

G: Das Potenzial ist online dennoch größer. Wir haben zwar unsere Stammkund:innen, was großartig ist, aber es gibt Zeiten, da kommen sie unregelmäßig oder wenn es regnet, kommt teilweise niemand herein. Wenn du dich auf online konzentrierst, deckst du ein viel größeres Potenzial ab. Was ich für mich festgestellt habe, ist, dass ich mich nicht zweiteilen kann. Es sind zwei Businesses. Online kann einen ganzen Job abdecken. Da ich noch nicht mit festangestellten Mitarbeitenden arbeite, kann ich nicht alles machen und vor allem nicht perfekt. Lieber hänge ich mein Herz in den Store und in das Sortiment.

M: Wo siehst du dich in der Zukunft? Was ist der nächste Schritt?

G: Das ist eine schwierige Frage! Ich hänge emotional an meinem Laden, es fällt mir schwer, wenn ich nicht da bin. Momentan hängt es noch sehr an mir als Person, aber das wird sich auch ändern. Ich kann nicht Buchhaltung, Onlineshop, Einkauf und alles sein. Dementsprechend wird es darauf hinauslaufen, dass mehr Unterstützung kommt und die Aufgaben aufgeteilt werden.

M: Und es ist so wichtig, sich Leute ins Team zu holen! Du bekommst neuen Input. Ich merke, wie weit wir dadurch gekommen sind. Ich habe zwei Festangestellte, zusätzlich zu den Aushilfen, die sich die Samstage teilen und richtig Lust auf Fashion haben! So kann ich mich guten Gewissens auf die Dinge konzentrieren, die mir liegen. 

G: Was liegt dir am meisten, wo bist du die Expertin?

M: Connecten! Community! Ich bin sehr gut vernetzt, habe richtig Lust, mit anderen Leuten gemeinsame Projekte zu planen, und ich bin viel unterwegs. Außerdem liebe ich den Einkauf und die Kleidung auszusuchen. Ich mache ein wenig von allem, aber versuche immer wieder, mich selbst und den Store neu zu erfinden. So haben wir zum Beispiel eine kleine Vertriebsagentur gegründet und starten ab der nächsten Saison mit zwei Labels in den Vertrieb. Einen zweiten Laden fühle ich nicht, ich würde immer alles für den einen Store geben, noch mehr einkaufen und vielleicht den Online-Einkauf vom Store-Einkauf separieren.

G: Ich glaube, man verzettelt sich dann auch ein wenig. Wenn man selber der Connecter ist, dann bist du das Bindeglied zu deinen Mitarbeitenden, Kund:innen und Lieferanten. Am Ende verkörperst du alles zu 100 Prozent.

M: Was sind deine Lieblingsaufgaben?

G: Wir veranstalten mittlerweile viele Events. Für mich ist es ein besonderer Moment, wenn ich mit meinen Leuten zusammen stehe, anstoße und realisiere, dass dies mein Business ist. Das Gefühl, das Drumherum geschaffen zu haben und die Dinge, die dazugehören – sei es, den eigenen Wein zu haben, eine Make-Up-Artistin einzuladen, den Laden mit Leben zu füllen. Es geht nicht nur um die Kleidung, sondern auch um die Geschichte dahinter. Es gibt ein endloses Potential, wenn man sich in seinem Job frei entfalten kann. 

M: Solange ich die Freiheit habe, Dinge einfach zu umzusetzen, sei es ein Event, eine Party oder ein neues Label zu ordern, fühlt es sich super frei an. 

M: Was beschäftigt dich am meisten im negativen Sinn?

G: Im Januar, nach dem ersten Hype, war das erste Mal, dass ich Rotz und Wasser geheult habe, als ich alleine im Laden stand. Es gibt einfach Zeiten, da kommt niemand, was aber nichts mit dir oder deinem Sortiment zu tun hat. Es gibt Hochs und Tiefs, da muss man sich etwas überlegen. Ich habe für mich gemerkt, dass ich nicht alles alleine machen kann. Ich brauche Unterstützung, ich brauche den Austausch, dann schafft man auch harte Zeiten.

M: Für mich war das auch lange ein Trugschluss. Ich dachte immer, wenn ich jemanden anstelle, ist das auch finanziell ein zu großer Schritt. Als ich den Schritt gewagt und mich getraut habe, habe ich aber gemerkt, wie viel mehr Kapazitäten ich hatte, um drumherum mehr zu machen und auch mehr passiert. Es war der richtige Weg, alleine wegen des Inputs von anderen Personen. Und man kann nicht alles gut! Es öffnen sich viele neue Türen, wenn man Leute in sein Leben lässt. Es war sehr positiv, diesen Schritt gemacht zu haben.

G: Im Business musst du in vielen Dingen in Vorleistung gehen, und das bedeutet wiederum, dass du sehr an dich und deine Arbeit glauben musst und eine Vision vor dir haben musst. Sonst kommt man nicht weit.

M: In mir drin geht es eher darum, wie komme ich weiter, was muss ich als nächstes machen, damit es vorangeht. Dieses Gefühl ist viel schöner als noch vor ein paar Jahren, als ich gedacht habe, wenn das jetzt kommt, weiß ich nicht, wie ich weitermachen soll.

G: Es treten immer Probleme auf, aber man braucht ein lösungsorientiertes Mindset und muss immer daran glauben, was man sich in den Kopf gesetzt hat.

M: Und auch mal loszulassen von dem, was die Leute dir darüber sagen, was es bedeutet, selbstständig zu sein. Was es bedeutet, als Frau das zu tun, worauf du Lust hast. Ich hoffe einfach, dass alle, die einen Traum haben, die Möglichkeit bekommen, diesen zu verwirklichen. Manchmal werden einem Steine in den Weg gelegt, aber ich hoffe, dass alle genug Vertrauen in sich selbst haben, um ihre Träume zu verfolgen. Ich habe so viel Lust noch viel mehr zu realisieren, mehr Leute in meinem Team zu haben, mehr schöne Momente mit meinen Kund:innen zu schaffen und schöne Kleidung zu verkaufen!

Und wenn wir alle an den alten Strukturen festhalten, wird sich auch nichts ändern. Ich habe mich davon gelöst!

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